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Mieke Kröger auf Trainingstour mit ihrem Ultimate CF SLX. (c) Markus Greber

05.04.2016, WMN Mieke Kröger im Interview

"Den normalen Trainingsalltag durchbrechen"

Ein Leben als Profisportler – Training, warme Dusche zuhause, Essen, Regeneration, Mediatermine. So in etwa stellt man sich das tägliche Leben eines Leistungssportlers vor. Doch Mieke Kröger von Canyon//SRAM Racing machte sich auf zu einer etwas außergewöhnlichen 827 Kilometer langen Trainingseinheit inklusive 8075 Höhenmetern.

Mieke, erzähl mal: Du bist Profi – wie sieht ein typischer Trainingstag für dich aus?

Typischerweise falle ich aus dem Bett, frühstücke und rufe dann meinen Trainer an, um das Training zu besprechen. Dann geht es ab aufs Rad oder manchmal in den Kraftraum. Wenn ich dann wieder zurückkomme, schiebe ich mir eine Banane rein oder mache mir schnell einen Smoothie und in Nullkommanix bin ich unter der Dusche. Danach ist Erholung angesagt.

Aber dann gibt es noch die "anderen" Trainingseinheiten – so wie Ende März. Du hast einfach deine Sachen gepackt und fährst Anfang der Saison ein paar Tage in unbekannte Gegenden. Wie bist Du darauf gekommen?

Vor zwei Jahren hatte ich einfach keine Lust auf Mallorca bzw. auf ein normales Trainingslager. Und außerdem verspürte ich eine gewisse Abenteuerlust. Also packte ich meine Sachen und zog mit viel zu viel Gedöns los. Direkt nachdem ich – geschwächt durch einen Hungerast und pitschnass – ankam, schickte ich ein Päckchen mit unnötigem Zeug zurück (lacht).

War es dann das einzige Mal?

Nein, im letzten Jahr war ich in Richtung Frankreich unterwegs. Ich wollte eigentlich bis zum Mont Ventoux kommen, aber ich bin leider unvorsichtig gewesen und krank geworden.

Was reizt dich daran, allein in fremde Gegenden aufzubrechen und deinen normalen Trainingsalltag zu durchbrechen?

Naja, es ist eben genau das, was mich reizt: den normalen Trainingsalltag zu durchbrechen. Und einfach mal richtig einsam zu sein ist für eine gewisse Zeit auch echt gut, um sich selbst mal wieder kennenzulernen. Aber irgendwann reicht es auch mit der Einsamkeit und ich bin froh, neue Leute kennenzulernen. Und immer spielt eine Portion Abenteuer mit. Wie groß diese Portion ist, kann man allerdings durch Planung oder eben Nicht-Planung selbst bestimmen.

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Solche "Aktionen" vermutet man eher am Ende der Rennsaison, um die Saisonpause einzuleiten. Wie hat dein Trainer dein Vorhaben aufgefasst?

Mein Trainer befürwortet diese Touren. Klar ist es nicht das berechenbarste und professionellste Trainingslager. Aber wie gesagt, manchmal etwas anders machen tut schon sehr gut.

Wie viele Kilometer kommen denn da am Ende zusammen? Integrierst Du auch spezielle Trainingsinhalte, wie z.B. Intervalle?

In diesem Jahr waren es am Ende etwas über 800 Kilometer. Ich versuche zusätzlich immer etwas Stabilisationstraining, Kniebeugen und Sprünge zu machen. Auf dem Rad baue ich dann manchmal Antritte mit ein und wenn's mal berghoch geht, auch K3 Einheiten, also kraftorientierte Anreize.

Wie planst du die Route und wie orientierst du dich zwischendrin? Ist alles schon bis ins kleinste Detail überlegt oder startest du einfach ins Blaue?

Vor zwei Jahren habe ich immer drei Tage im Voraus geplant. Das Resultat: kaum noch Jugendherbergen frei. Jetzt habe ich alles im Voraus geplant und auch meine Unterkünfte schon reserviert. Aber wie beispielsweise in Prag kann es immer sein, dass es eine Planänderung gibt und ich woanders schlafe, weil mir jemand freundlicherweise sein Appartement anbietet.

Was hast du alles dabei und wo verstaust du es? Gibt es dafür eine Packliste?

Eine Packliste gibt es tatsächlich. Ich verstaue alles in einem Trailrunner-Rucksack, den ich mir extra dafür zugelegt habe.

Ein Rucksack bedeutet ja auch zusätzliches Gewicht auf dem Sattel und auf dem Rücken – bereitest du dich darauf vor?

Nein, eigentlich nicht. Ich versuche so leicht wie nur möglich zu packen. Klar hat man das eine oder andere Mal Rückenschmerzen. Aber da muss man dann halt durch. Mit Positionswechsel, Wiegetritt, mal kurz anhalten, freihändig fahren geht das ganz gut.

Wenn du an alle deine bisherigen Touren zurück denkst – gibt es ein besonders beeindruckendes Erlebnis, das du nie vergessen wirst?

Es gab viele beeindruckende Momente, genauso wie es auch weniger schöne Erfahrungen gab. Eines der beeindruckendsten Erlebnisse hatte ich jetzt erst in Prag. Über drei Ecken gab es da eine Connection zu jemanden, der gerade selbst im Trainingslager ist. Er überließ mir einfach seine Wohnung in Prag. Ich durfte und sollte mich fühlen wie Zuhause. Dazu kam eine laaange Mail mit gaaaanz vielen Instruktionen und Tipps für Prag. Derjenige, der mir diese Übernachtungsmöglichkeit verschafft hatte, war selbst auch sehr hilfsbereit und kümmerte sich noch um eine schönere Route nach Pilsen und lieh mir noch eine Transporttasche fürs Rad. Einfach so. Andere beeindruckende Erlebnisse wie Mörderhagelschauer und Sturm, der mich dazu zwang, die Etappe im Zug zu verbringen oder verloren gehen im Hamburger Hafen gab es ebenso wie atemberaubend schöne Landschaften, Ortschaften und einfach Glücksmomente.

Eine Frage noch zum Schluss: Welche Tipps hast du parat für jemanden, der so etwas noch nie gemacht hat?

Ich würde sagen nie aufgeben, aber immer Augen nach einem Bahnhof offen halten, falls es wirklich nicht mehr geht (lacht).