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Da schlummert Potential. Viele wissen es bloß noch nicht. Rob-J und die Coaches kitzeln es seit Jahren aus den Kids heraus. Foto: Rob-J

21.06.2016, CANYON Rob-J im Interview

CAnyon JUgendcamp 2016

Hi Rob! Viele kennen Dich als MTB-Hero und Weltenbummler. Aber was du neben deinen Abenteuern auf dem Bike noch alles machst, wissen viele vielleicht noch nicht. Du veranstaltest unter anderem Jugendcamps, um Kids und Jugendlichen das Mountainbiken näher zu bringen und ihre Fähigkeiten auf dem Bike zu verbessern. Was motiviert Dich, die nächsten Generationen für den MTB-Sport zu begeistern?

 In erster Linie kann ich es aus eigener Erfahrung nachvollziehen, wie cool und vor allem wie prägend so eine Woche Jugendcamp für die Kids sein kann. Ich selber war 1998 im allerersten „Bike“ Jugendcamp als Teilnehmer dabei. Dort wurde quasi mein „Talent“ entdeckt. Ich durfte mit den Profis einen Sprung bauen und dann mit dem Fotografen professionelle Fotos produzieren. Danach hatte ich mein erstes Bild im Bike Mag - in der gleichen Ausgabe wie Shaun Palmer, Dave Cullinan, Tarek Rasouli, Holger Meyer und Tibor Simai. Das war schon eine ganz große Sache für mich und motivierte mich so sehr. Von da an wollte ich unbedingt ein Teil der Szene werden. Das Camp war quasi der Startschuss für meine Race-Karriere im 4X, Dual Slalom und Dirt Jump.

Heute, 18 Jahre später, zähle ich schon 10 Jahre Jugendcamp unter meiner Leitung und sehe einige ehemalige Teilnehmer, die heute eine Pro-Rider Karriere erreicht haben. Das ist natürlich der Hammer bei so einer Entwicklung seinen Teil dazu beigetragen zu haben. Durch die Jugendarbeit und den Erhalt des Camps gebe ich etwas dem Sport zurück, dem ich selber so viel zu verdanken habe.

 

Wie kann man sich ein Jugendcamp vorstellen? Muss man gewisse Grundkenntnisse mitbringen? Oder ganz einfach gesagt: man kommt mit Stützrädern und fährt im Wheelie nach dem Camp davon?

 Da wir im alpinen Gelände unterwegs sind, sollten die Kids schon regelmäßig auf Singletrails unterwegs gewesen sein bevor sie zu uns ins Camp kommen. Die Coaches bauen dann ihr Training auf dem Leistungsniveau ihrer Gruppe auf und innerhalb der Woche machen alle gewaltige Fortschritte. Letztes Jahr hatten wir einen Jungen dabei, der konnte Anfang der Woche gerade mal so über einen kleinen Drop hüpfen. Am Ende der Woche ist er das große Roadgap auf der X-Line gesprungen. Die Jugendlichen bekommen nicht nur Fahrtechnik vermittelt sondern vor allem ein starkes Selbstvertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten. Im Gegensatz zu Erwachsenen saugen die Kids die Tipps extrem schnell auf und können diese auch sofort umsetzen. Die Meisten kommen im Folgejahr wieder, haben in der Zwischenzeit viel geübt und kommen mit gewaltigen Fortschritten zurück. Wir bauen dann auf dem neuen Niveau weiter auf. Heute erkenne ich die Kids von weitem wenn sie den Berg hinunter kommen an ihrer Fahrtechnik ob sie bei uns durchs Camp gegangen sind oder nicht. Die stehen dann schon richtig gut über dem Rad und carven extrem gut durch die Kurven. 

Wie sind denn die Kids und Jugendlichen drauf die in dein Camp kommen? Als du noch Anfänger warst, gab es kein Social Media und man hat sich seine Helden in Magazinen angeschaut. Teilweise wusste man auch gar nicht, was derjenige da auf dem Bild macht. Man konnte es manchmal nur erahnen. Merkst Du einen Unterschied zu der damaligen Zeit?

 Ich glaube es war früher einfacher die abgebildeten Tricks  nachzuvollziehen als heute wo man aus einem Opposite 720 sowieso nur irgendeinen Bruchteil davon sieht. Die tricks Sind viel komplizierter geworden. Ob da jemand ein oder zwei Mal den Lenker dreht während eines Backflips ist auch für mich oft nicht mehr nachvollziehbar. Die Entwicklung im „Slopestyle" entfernt sich immer mehr vom „Mountainbiken". Wenn es für die Kids nicht mehr Nachvollziehbar ist, wird es uninteressant. Früher war das Mountainbiken ein Sport, wo alles irgendwie vermischt wurde. Heute kann man schon fast sagen, dass jede Disziplin eine eigene Sportart ist. Es ist viel Komplexer geworden und da sind die Jugendlichen so ab 14 Jahren heute schon in den unterschiedlichen Bereichen sehr gut informiert. Wir vermitteln im Camp aber das Mountainbiken als Ganzes wo alles zusammen gehört. Grundsätzlich kennen aber auch alle, wie ich damals auch, die Magazine in und auswendig. Informiert sind die meisten also bestens. Erstaunlich ist aber, wie gut die Kids schon in den jungen Jahren ausgestattet sind. Von solchen Bikes hätten wir in dem Alter nicht mal zu träumen gewagt. Viele sind auch schon komplett mit GoPro usw. versorgt. Sie filmen sich gegenseitig über den Tag hinweg und setzen es später online. Da geht es schon richtig voran. Ich bin gespannt, wann die ersten mit eigenen Drohnen ankommen. 

Ich kann mir vorstellen, dass diese Camps auch sehr anstrengend sind. Man trägt Verantwortung und muss ständig einen Sack voller Flöhe zusammenhalten. Was zaubert dir am Ende des Tages ein Lächeln ins Gesicht?

Das Camp bereitet mir gerade in den letzten Tagen bevor es los geht immer ein paar schlaflose Nächte. In Gedanken gehe ich immer wieder alles durch. Bloß nichts vergessen oder irgendetwas übersehen. Natürlich habe ich immer ein flaues Gefühl im Bauch und hoffe dass sich keiner ernsthaft während des Camps verletzt. Das ist natürlich bei dem Sport nicht auszuschließen. Aber ich weiß, dass wir unser Bestes tun, um die Jugendlichen sicher durch die Woche zu bringen. Dafür habe ich über die Jahre ein unglaublich gutes Team zusammengestellt. Das macht mich immer zuversichtlich. Wenn dann alle Jugendlichen und auch mein Team von einem langen Tag auf dem Bike mit einem breiten Grinsen zurückkommen, bin ich auch wunschlos Glücklich. Sehr schön sind auch die Reaktionen der Eltern die so dankbar sind, dass es so eine Veranstaltung überhaupt gibt. Die Kids kommen mit so vielen tollen Eindrücken und neuen Freunden zurück und haben meistens noch die Arme voll mit gewonnenen Preisen 

Ich habe auf einem Gruppenfoto vom Camp den Timo Pritzel gesehen. Ist es von Camp zu Camp verschieden, wer als Coach dabei ist? Sind es immer Größen aus der MTB-Szene?

Die Coaches sind vor allem sehr gute Freunde von mir und große Namen aus der Szene. Ich weiß, dass ich mich auf jeden zu 100% verlassen kann. Wir sind ein eingeschworenes und sehr erfahrenes Team welches nach und nach vergrößert wird. Gute Jugendcamp Coaches zu finden ist aber nicht einfach. Viele Profis können zweifelsohne super Biken, doch das ganze gut zu vermitteln ist eine ganz andere Sache. Gerade für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen braucht es sehr viel Verständnis, Geduld und scharfe Instinkte. Zu meinem Stamm-Team gehören neben Tibor Simai und Dirt-Legende Timo Pritzel. Auch der ehemalige BMX-Pro und einer der vielseitigsten MTB-Rider Gregor Alff sowie Freerider Matthias Schell. Seit ein paar Jahren ist auch der südafrikanische Worldcup DH Racer Johann Pottgieter dabei, der die schnellsten Jungs im Camp noch schneller macht. Wolfgang Eysholdt, Enduro Pro Andre Wagenknecht und Freeride Lady Angie Hohenwarter sind auch immer wieder dabei wenn ihr Terminplan es zulässt. Wir hatten auch schon Special Guests wie Cedric Gracia im Camp, die für ein paar Tage dazu kamen um mit dem Kids zu shredden.

Seit einigen Jahren bin ich dabei, die nächste Generation Coaches auszubilden. Ein paar meiner ehemaligen Jugendcamp Kids sind heute Top-Racer oder angehende Profis und schlüpfen dann bei mir im Camp in die neue Rolle als Junior Coach. Nach dem zweiten Jahr haben sie dann die Chance in das Kern-Team aufgenommen zu werden um dann eine eigene Gruppe im Camp zu leiten. Mit einigen meiner ehemaligen Camp Kids bin ich auch über dem Camp hinaus heute sehr gut befreundet. Felix Gotzler, der als 12 Jähriger bei mir erstmals im Camp war zum Beispiel. Ich hatte damals sein Talent erkannt, ihn in den darauffolgenden Jahren beobachtet, gefördert und bin mit ihm auch neben dem Camp biken und trainieren gewesen. Heute ist er 22 Jahre alt, ein unglaublich schneller und fitter Enduro und DH-Racer mit dem ich viel zusammen im Gym und auf dem Bike trainiere. Auch er ist inzwischen eine feste Größe in meinem Trainer Team.

Bekommt man das gesamte Equipment gestellt oder muss man alles mitbringen? Wenn ja, gibt es eine Mindestanforderung an das Material? Ich denke, dass es da sehr große Unterschiede gibt. Selektiert ihr vorher aus?

Jeder sollte möglichst mit seinem eigenen Bike kommen. Ein Mountainbike mit Federgabel, zwei Bremsen und ordentlichen Stollenreifen sind Voraussetzung. Mit Dirt-Bikes, glatten Reifen und nur einer Bremse kann man keinen Berg hinunter fahren - deswegen müssen solche Räder daheim bleiben. Neben dem Bike sind die Protektoren wichtig: Knieschoner, Fullface Helm, Handschuhe und ein kompletter Oberkörper Schutz (Brustpanzer / Safety Jacket) sind Pflicht. Letzteres kann man sich bei uns auch leihen. Wer kein passendes Bike hat, kann sich in den lokalen Bike ’n Soul Shops eines zu deren Konditionen ausleihen. Canyon kommt mit einem großen Aufgebot an Testbikes, die für ein paar Stunden kostenfrei zum Testen ausgeliehen werden können. Am ersten Tag machen wir auf einem kurzen Streckenabschnitt eine Sichtung. Wir teilen dann die Kids je nach Niveau in unterschiedliche Gruppen auf.

Gibt es Camp-Regeln, an die sich jeder halten muss? Respektvoller Umgang mit den anderen Teilnehmern und der Natur, Handyverbot oder etwas Ähnliches?

Selbstverständlich setzen wir hohen Wert auf ordentliches Benehmen und Respekt allen Teilnehmern, den Locals und der Natur gegenüber. Ich muss aber ehrlich sagen, dass wir im Camp wahnsinnig gut erzogene Jugendliche haben. Wir haben selten welche dabei, die über die Stränge schlagen. Auf jeden Fall haben wir die Jugendlichen gut im Griff. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass wir für die Kids die Helden sind und sie natürlich alles andere als Ärger mit uns haben möchten. Die Tatsache erleichtert uns die Arbeit enorm. Die Jungs und Mädels haben sehr viel Respekt vor uns, machen immer super mit und wissen unsere Arbeit auch wirklich zu schätzen. Wenn alles rund läuft sind wir auch für jeden Spaß zu haben. Die Eltern können es auch immer nicht glauben, dass die Kids freiwillig jeden Tag ihre Zimmer aufräumen. Aufräumen ist sogar untertrieben: Wenn ich beim Abendessen eine Zimmerkontrolle ankündige, springen danach alle 90 Kids auf und POLIEREN die Zimmer, falten ihre Socken in den Schubladen zusammen, dekorieren ihre Betten und führen sogar kleine, improvisierte Theaterstücke auf, wenn wir zur Kontrolle kommen. Das ist bei uns im Camp wirklich legendär. Es funktioniert aber auch nur so gut, weil das beste Zimmer die dicksten Preise bekommt. 

Probleme mit heimlichen Alkohol- oder Zigarettenkonsum hatten wir in all den Jahren nie. Das interessiert die Kids, die zu uns ins Camp kommen auch wirklich nicht und scheint auch daheim kein Thema zu sein. Was ich aber durchsetze ist das Verbot von Energy Drinks. Wir hatten immer wieder Kids dabei, die sich nur damit versorgt haben. Das hat natürlich bei der körperlichen Belastung auf die jungen Körper enorme Auswirkungen. Die Kids dehydrieren sehr schnell, bekommen Herzrasen und können ihre Konzentration nicht aufrechterhalten. Das wiederum kann zu Stürzen führen. Deswegen bin ich dahinter, dass das Zeug nicht konsumiert wird und grundsätzlich wenig Zucker auf dem Speiseplan auftaucht. Wir versorgen die Kids zwischen den Rides immer mit frischem Obst und Gemüse sowie ausreichend Wasser.

Gibt es eine letzte Botschaft, die du gerne loswerden möchtest?

Ab dem kommenden Jahr wird es neben diesem einen großen Jugendcamp im Sommer auch mehrere etwas kleinere Camps geben. Diese sind dann spezialisiert auf eine jeweilige Disziplin. Es wird also über das Jahr verteilt, an unterschiedlichen Orten spezielle Downhill Race Camps geben, Enduro Camps und auch welche mit Schwerpunkt Freeride und Dirt. So möchte ich auch noch besser neue Talente entdecken die dann evtl. die Chance auf eine erste Förderung im Rahmen eines Jugendcamp-Teams bekommen können. 

Abschließend ein großes DANKE an Canyon für eure herausragende Unterstützung des Camps und DANKE an mein gesamtes Team für die super Arbeit, um die nächste Generation Mountainbiker zu pushen.

 

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