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29.10.2014, CANYON Into Thin Air

Gone Tomorrow: Rob-J in Nepal

»Diese Momente im Hier und Jetzt sind es, für die man  lebt.«

DIE LUFT IST DÜNN HIER OBEN. Ich schleppe mich die letzte steile Rampe hinauf auf ca. 4500 Meter, versuche alles aus meinen Beinen und meiner Lunge heraus zu holen. Ich bin an meinem Limit und am Start der letzten Abfahrt meiner Nepal- Reise hier am Lubra Trial mitten im » Upper Mustang « umgeben von einigen der höchsten Berge der Welt. Annapurna ( 8091 ), Dhaulagiri  ( 8167 ) und Nilgiri ( 7061 ), so die Namen der Gipfel, auf die ich gerade blicke. Hier haben viele »kleinere « Sechstausender noch nicht mal einen Namen. Es gibt einfach zu viele davon , erklärt mir unser Guide Mandil. Wie viele unentdeckte Trails und Lines gibt es hier wohl noch zu finden ? Und was ist überhaupt fahrbar? Die Möglichkeiten scheinen endlos. Und sie sind es auch.

Doch bevor ich in meinen letzen Trail droppe , an dessen Ende das gewaltige Flussbett des Kali Gendaki liegt , bemerke ich über mir einen gewaltigen Bartgeier im Wind schweben , der ohne einen einzigen Flügelschlag majestätisch über das Königreich Mustang hinweg fliegt. Das ist einer dieser Momente, für die man lebt und ganz im Hier und Jetzt ist. Einer dieser Momente, in denen die Zeit einfach stehen bleibt. Für die nächsten dreißig Minuten gehört der Trail mir. Alles funktioniert wie in Trance. Meine Sinne sind hellwach , nehmen jedes Detail vor mir wahr und lassen die Bewegungen natürlich und automatisch ineinanderfließen. Der Trail windet sich über Highspeed-Passagen , staubige Kurven und exponierte , steile Absätze nach unten. Fehler sollte man bei dem Speed möglichst vermeiden, doch für solche Szenarien gibt es in meinem Kopf in diesem Moment ohnehin keinen Platz. Ich bin überwältigt. Der perfekte Ride ? Definitiv einer der besten Trails, die ich je gefahren bin. Der krönende Abschluss meines Abenteuers in Nepal.

 Diese Reise war viel mehr als nur ein weiter Trip an einen schönen Ort zum Biken. Es war gefühlt eine Zeitreise zurück ins Mittelalter und zu alten Werten, die wir – wie es scheint – in unserer westlichen Welt oft schon vergessen haben. Hier oben im Mustang leben die Menschen immer noch wie vor hunderten Jahren im Rhythmus und Einklang der Natur. Da dieses Gebiet bis vor wenigen Jahren für Außenstehende nicht zugänglich war, sind moderne Einflüsse hier erst sehr spät angekommen , und entsprechend ursprünglich wird hier gelebt. Alles wird von Hand gemacht. Egal, was sie tun – sie tun es mit voller Hingabe und nehmen sich die Zeit , die nötig ist , um Dinge bis bis ins kleinste Detail perfekt zu machen. So ist jeder von ihnen nicht nur Buddhist , sondern selbst auch Buddha , da sie von Kind an lernen , im Moment und im Tun zu verweilen und in ihrer Religion verankert zu sein. Für mich war das sicher nicht die letzte Reise nach Nepal. Es gibt noch so viele weitere sensationelle Trails zu entdecken und zudem noch so viel über die Menschen und deren Kultur zu lernen. Dafür gilt es, sich die Zeit zu nehmen.Erst recht dann , wenn die Luft bei uns aufgrund von Stress , Druck und Unausgeglichenheit mal wieder dünn wird.