Image

Foto: Stefan Simak

29.01.2019, WMN Das ist Ceylin del Carmen Alvarado

Der neue Stern am Cyclocross-Himmel

Ceylin del Carmen Alvarado, die ursprünglich aus der Karibik stammt, gilt heute als größtes Talent der CX-Szene und schielt bei den anstehenden Weltmeisterschaften in Dänemark auf das Regenbogentrikot.

Ein schlichtes Reihenhaus irgendwo am Stadtrand von Rotterdam. Draußen Sturm und Schnee – richtiges Cyclocross-Wetter. Wie passend. Denn die Tür wird uns geöffnet von einer der vielversprechendsten Athletinnen der Szene. „Hallo! Schön, dass ihr da seid. Ich bin Ceylin!“

Wir betreten ihr gemütlich eingerichtetes Zuhause, in dem die erst 20-Jährige zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder wohnt. Durch ihre offene und sympathische Art ist das Eis direkt gebrochen: „Ich kam noch gar nicht zum Frühstücken. Macht es euch etwas aus, wenn ich schnell esse? Kann ich euch irgendetwas anbieten? Kaffee, Wasser?“

Wir sitzen gemütlich zusammen am Esstisch und reden über Radsport, die Cyclocross-Szene, anstehende Rennen, aber auch ihre sportlichen Anfänge, Rückschläge und ihre Träume. Und schnell wird klar, dass vor uns nicht nur ein Mädel sitzt, dass gerade eben seinen Teenagerjahren entwachsen ist, sondern eine smarte Top-Athletin, die genau weiß, was sie erreichen will und ihre Ziele fest im Blick hat. Dabei immer ein Lächeln auf den Lippen. Aber nie naiv, sondern demütig und wohl wissend, wie weit und steinig der Weg nach oben ist und woher sie kommt.

Doch wer genau ist Ceylin del Carmen Alvarado? Wer ist diese junge Frau, die als eines der größten Talente auf unserem Planeten gilt? Wer genau steckt hinter dem fröhlichen Wesen, das sich anschickt, sich bereits in jungen Jahren in die Weltelite im Frauenradsport zu katapultieren?

Aus der Karibik auf europäische CX-Tracks

Rückblende. 1998 wurde Ceylin in Cabrera geboren, einer Küstenstadt im Nordosten der Dominikanischen Republik. Die Familie lebte bis zu ihrem fünften Lebensjahr unter einfachen Verhältnissen auf dem Inselstaat der Großen Antillen, ehe es die Alvarados in die Niederlande zog, um dort eine neue Zukunft aufzubauen. Ceylin war 10 Jahre, als sie ihr Vater und Bruder, die beide Radrennen fuhren, in den Bann des Radsports zogen.

„Wir fuhren viel mit dem Rennrad. Und um im Winter in Form zu bleiben, starteten wir mit Cyclocross“, erinnert sich die Corendon-Circus-Fahrerin: „Ich habe es geliebt und mich gar nicht so schlecht angestellt. Seitdem weiß ich, dass es mein Sport ist.“ Schnell wurde offensichtlich, dass sie ein außergewöhnliches Talent hatte und in ihrer Radbeherrschung und Fahrtechnik den Gleichaltrigen exorbitant überlegen war.

Folgerichtig räumte die Ausnahmeathletin schon in jungen Jahren zahlreiche Medaillen ab und fuhr sich auf die Podien der prestigeträchtigsten Rennen. Auszug aus ihren Palmares gefällig? U23 Europameisterin, Niederländische Meisterin, Siegerin Gesamt-Weltcup, Silbermedaille Weltmeisterschaften.

PROSPORT BEI CANYON

Kniebruch: Herber Rückschlag und wichtige Erfahrung zugleich

Doch nicht immer verlief ihre Karriere steil nach oben. 2015 musste Ceylin erfahren, dass es im Leben einer Radsportlerin neben Licht auch Schatten geben kann. Bei einem Straßenrennen stürzte Ceylin und prallte gegen einen Pfosten.

Die bittere Diagnose: ein gebrochenes Knie. Die Folge: eine längere Auszeit. Erst einmal keine Rennen, kein Training, kein Radfahren. Eine abrupte Unterbrechung ihres bis dahin wie an der Schnur gezogenen Aufstiegs.

Doch sie hielt durch, nach dem ersten Schock startete sie motiviert in ihre Rehabilitation, die gut anderthalb Jahre dauern sollte. Rückblickend war diese unfreiwillige, lange Pause enorm wichtig für ihr Selbstvertrauen. Heute sagt sie: „Ich habe gelernt, mich zu fokussieren, an mich zu glauben. Seitdem weiß ich, dass ich vieles schaffen kann, wenn ich fest daran glaube und hart dafür arbeite.“

Cyclocross-Museum im Miniaturformat

Zurück in Ceylins Zuhause. Vom Frühstückstisch sind wir mittlerweile in ihr Wohnzimmer gewandert. Weil es draußen stürmt und schneit, absolviert sie ihre Trainingseinheit auf dem Rollentrainer anstatt mit uns zusammen auf dem Rad durch matschige Rotterdamer Vorortwege. Wir sind erleichtert.

Das Wohnzimmer macht den Eindruck eines Cyclocross-Museums im Miniaturformat: Trainingsrolle, Radsport-Zeitschriften, die Wände geschmückt mit Medaillen und Wertungstrikots ihrer noch jungen Karriere. „Ich habe in den letzten Jahren eine kleine Trikot-Sammlung gestartet“, lacht sie. „Die Trikots haben mir ein starkes Selbstvertrauen geschenkt. Es ist ein tolles Gefühl zu spüren, dass man stark ist.“

Doch welches Exemplar ist ihr am wichtigsten? Welches hat für sie den größten Wert? „Es fühlt sich natürlich toll an, im Europameister-Trikot Rennen zu fahren. Und gleichzeitig ist es auch ein seltsames Gefühl, die Europameisterschaft vor der Niederländischen Meisterschaft zu gewinnen“, erzählt die 20-Jährige: „Aber wenn ich ehrlich bin, hänge ich am meisten an meinem Landesmeistertrikot. Sechs, sieben Jahre habe ich darum gekämpft, nun habe ich es endlich gewonnen.“

Appell an junge Frauen: Fangt einfach an

Während andere 20-Jährige gerade ihr Abitur absolviert haben und sich Gedanken um ihr eigenes, zukünftiges Leben machen, hat man bei Ceylin den Eindruck, dass sie schon jetzt weitsichtig denkt und eine reflektierte Sicht auf die Dinge hat.

Junge Mädchen ermutigt sie, mit dem Radsport anzufangen: „Niemand braucht Angst vor irgendetwas zu haben. Wir alle sind bei Null gestartet, haben uns mit reichlich Spaß und hartem Training weiterentwickelt. Und schau, wo wir jetzt stehen: Wir fahren Seite an Seite mit den besten und inspirierendsten Athletinnen unseres Sports wie Marianne Vos oder Sanne Cant. Und wir machen es gut. Alles ist möglich, wenn du dir ein Ziel setzt und an dich glaubst.“

Ceylin sieht den Radsport und speziell Cyclocross im Wandel: “Noch vor ein paar Jahren wurde Frauen auf dem Rad kaum beachtet und niemand interessierte sich für uns. Mittlerweile steigt die mediale Aufmerksamkeit: Längere TV-Übertragungszeiten und mehr Interview-Anfragen führen zu höheren Preisgeldern, was einen zusätzlichen Anreiz bietet.“

Nächster Halt: UCI Cyclocross-Weltmeisterschaften

Aufregend und spannend werden für Ceylin vor allem die kommenden Tage vor dem großen Event in Bogense. In dem kleinen Städtchen an der Nordküste der dänischen Insel Fyn finden am Sonntag, den 3. Februar, die UCI Cyclocross-Weltmeisterschaften 2019 statt. Dort will Ceylin ihr nächstes Ziel verwirklichen und sich zur Weltmeisterin der U23-Klasse küren.

„Ich denke, ich habe dort gute Chancen, den Titel zu gewinnen“, gibt sich Ceylin optimistisch: „Aber natürlich muss jedes Rennen gefahren werden. Ich werde mich jedenfalls voll fokussieren und mein Bestes geben.“

Gelingt der sympathischen 20-Jährigen das Kunststück, dann darf sie sich in Dänemark das begehrteste Jersey im Radsport überstreifen: das Regenbogentrikot. Es wäre ein weiteres Exemplar für ihre ganz persönliche Sammlung im heimischen Wohnzimmer – weit weg vom Trubel der europäischen Cyclocross-Strecken – in einem schlichten Reihenhaus irgendwo am Stadtrand von Rotterdam.

CEYLIN DEL CARMEN ALVARADOS RAD: DAS INFLITE