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Grande Nairo! © TDWsport.com

18.03.2015, CANYON Heldenhafter Sieg im Schneegestöber

Nairo Quintana gewinnt Tirreno-Adriatico

Monte Terminillo, ein 2220 Meter hoher Berg inmitten der italienischen Apenninen, etwa 100 Kilometer nordöstlich von Rom. Es läuft die 5. Etappe der Tirreno-Adriatico. Der 197 Kilometer lange Tagesabschnitt war zur Königsetappe ausgerufen worden, auserkoren, eine Vorentscheidung im "Rennen zwischen den Meeren" herbeizuführen. Die Bühne war bereitet für den ersten großen Schlagabtausch der noch jungen Saison zwischen den besten Kletterern der Welt.

Doch der Terminillo zeigte sich von seiner rauen Seite. Keine blühenden Pflanzen am Wegesrand, kein saftiges Gras auf den Wiesen, kein Schatten auf dem 16 Kilometer langen Schlussanstieg, den die Sonne über dem Gipfel des Berges hätte werfen können. Stattdessen bot sich den Fahrern eine grau-melancholische Winter-Szenerie. Einsetzender Schneefall, Temperaturen um den Gefrierpunkt, das obere Drittel des Terminillos in Nebelschwaden gehüllt. Sichtweite unter 100 Meter. Bedingungen, bei denen Radprofis lieber auf der Rolle trainieren als Rennen zu fahren.

Quintana trotzt Regen, Schnee und Kälte

Rund fünf Kilometer vor dem Ziel geht Nairo Quintana aus dem Sattel seines Ultimate CF SLX. Wiegetritt, immense Beschleunigung bei knapp zehn Prozent Steigung. Contador, Nibali, Uran, Mollema scheinen eingefroren. Der Kolumbianer lässt seine Konkurrenten einfach stehen. Nach und nach holt Quintana die Fahrer der ehemaligen Fluchtgruppe ein und fliegt an ihnen vorbei. Das Wetter verschlechtert sich, Schneesturm setzt ein. Die Kameras zeigen Fahrer mit schmerzverzerrten Gesichtern, eingefrorenen Bärten und Fingern.

Dreitausend Meter noch für Quintana. Der Movistar-Kapitän fährt als Solist dem Gipfel entgegen. Er beschleunigt erneut. Es scheint als ob er umso mehr Energie entwickelt, je heftiger die Witterung wird. Wo sich andere den Naturkräften ergeben, trotzt Quintana Schnee, Regen und Kälte und legt noch eine Portion Willenskraft drauf.

Dreizack für den härtesten Fahrer des Rennens

"Ich weiß nicht recht, ob ich der Härteste bin", diktierte Quintana in der anschließenden Pressekonferenz den Journalisten in die Notizblöcke: "Meine Konkurrenten haben auch schon gezeigt, dass sie in extremen Situationen stark sind. Nibali nennt man nicht umsonst "The Shark" und Contador ist sowohl in der Hitze als auch in der Kälte stark. Ich denke, dass Alberto und ich hier ungefähr auf demselben Niveau sind."

An diesem Tag war Quintana der Härteste. Satte 41 Sekunden fuhr der 25-Jährige auf den Zweitplatzierten Mollema heraus. 41 Sekunden, die ihm reichten, um auch im abschließenden Zeitfahren seine Führung zu verteidigen und damit in seinem ersten Rennen in Europa auch gleich den prestigeträchtigen Dreizack für den Sieger der Tirreno-Adriatico als Trophäe mit nach Hause zu nehmen.

Quintanas zwei Gesichter

Trotz des Erfolges und dem Dämpfer, den er der Konkurrenz mit seinem Auftritt am Terminillo verpasste, bleibt Quintana bescheiden. Außerhalb des Renngeschehens ist der Giro d'Italia-Sieger 2014 ein Mann der leisen Worte. Fast schon zurückhaltend, introvertiert wirkt er, wenn er nicht auf dem Rad sitzt. Im Peloton ist Quintana einer der kleinsten Fahrer, aber wenn die Bedingungen schwierig werden, scheint er seinen Rivalen physisch und vor allem mental überlegen.

So wie bereits im Mai 2014, als Quintana die Königsetappe des Giro d'Italia in ähnlich extremen Witterungsverhältnissen dominerte und dort den Grundstein für seinen späteren Sieg legte. "In Kolumbien lebe ich auf fast 3000 Metern Höhe", versucht der Mann aus Cómbita, einem kleinen Bauerndorf in den Anden, seine Erfahrungen mit rauen klimatischen Bedingungen zu erklären: "Manchmal ist es dort morgens auch um die Null Grad kalt. Und die Kälte ist in der Höhe eine andere, sie macht mir wenig aus, daran bin ich gewöhnt."

Wiedersehen bei der Tour de France

Eine erste Duftmarke hat Quintana in den Apenninen gesetzt. Zum Saisonhöhepunkt werden die Bedingungen jedoch völlig anders sein. Dann, in gut vier Monaten, werden sich Quintana, Contador und Co. wieder gegenüberstehen.

Am 25. Juli, auf dem vorletzten Tagesabschnitt und Königsetappe der Tour de France, wird den Fahrern auf den legendären Anstiegen zum Col du Télégraphe, Col du Galibier und hinauf nach Alpe d'Huez die sengende Sonne auf den Helm brennen. Statt Schneeflocken werden Schweißperlen die Gesichter zieren. Auch dann will Quintana den Konkurrenten eine Radlänge voraus sein – und sich damit endgültig zum härtesten Fahrer im Peloton machen.