Breiter ist schneller
Das große Reifen-Paradoxon
Paradigmen ändern sich. Jahrzehntelang haben Rennradfahrer ihre schmalen Reifen so hart wie möglich aufgepumpt, weil ein hoher Luftdruck als das absolute Nonplusultra für mehr Geschwindigkeit galt.
Der einzige Haken an der Sache: Dieses schlitternde Fahrgefühl, bei dem man jedes Sandkorn auf dem Asphalt fühlt und die Augen aus dem Schädel vibriert bekommt ist kein Zeichen von Geschwindigkeit. Es ist ein Zeichen von Ineffizienz. Der Wandel findet nicht nur auf der Straße statt: In der Gravel-Rennszene sind Reifenbreite und Reifenfreiheit eines der meistdiskutierten Themen.
Inhalt
Das Gefühl täuscht
Mit schmaleren, härteren Reifen kann es sich anfühlen, als wärst du am Limit, wenn du in Wirklichkeit gerade viel schneller sein könntest. Jede Unebenheit bremst dich einfach nur aus.
Mit breiterer Bereifung und mehr Volumen kannst du dagegen niedrigeren Luftdruck fahren, sodass sich die Reifen besser an den Untergrund anpassen können – wodurch dein Bike geschmeidiger fährt und mehr Traktion bekommt, sodass du schneller fahren kannst.
Schmale Reifen fühlen sich schneller an, sind es aber oft nicht. In diesem einen Punkt solltest du dich nicht auf dein Gefühl verlassen.
Wenn du mit einem alten Auto bei 100 km/h auf der Autobahn fährst, fühlt sich es sich an wie 200 km/h. Wenn du dann mit einem modernen Auto 200 km/h fährst, fühlt es sich an wie 100 km/h.Matthias Hensolt | Chefentwickler des Grail
Der Schnellere gibt nach
Es ist kein Zufall, dass die schnellsten Fahrzeuge der Welt (z. B. Formel-1-Autos) gefederte Fahrwerke haben. Und auch bei Pferdekutschen findet man seit Anfang des 18. Jahrhunderts Federungen.
Aber nicht in jedem Fall ist die zusätzliche Komplexität und das Mehrgewicht einer mechanisch gedämpften Federung erforderlich. Selbst in der Formel 1 übernehmen die Reifen den Löwenanteil. Ein Rad, das Unebenheiten absorbieren kann – sei es durch Reifenvolumen oder durch eine Federung – kann schneller weiterrollen, als wenn bei jedem Schlagloch Energie dafür verschwendet wird, das gesamte Fahrzeug inklusive Ladung und Insassen abrupt durch die Gegend zu schleudern.
Die Gravel-Revolution geht weiter
Als Mitte der 2010er Jahre die ersten Gravel Bikes für Furore sorgten, galten die 40 mm breiten Reifen als radikal und revolutionär. Seit einiger Zeit ist die Reifenbreite eines der zentralen Themen für Gravel-Fahrer – ob bei der Jagd nach Bestzeiten oder auf der Suche nach immer größeren Abenteuern. Von 40 und 45 bis hin zu 50 mm und in die Zollgößen aus der MTB-Sparte hinein: Für viele kann es gar nicht breit genug sein.
Gebt mir so viel Reifenfreiheit wie möglich.Rosa Klöser | Canyon Gravel-Profi Input zur Entwicklung des neuen Grail
Auch die Fahrräder haben sich entsprechend weiterentwickelt. Das aktuelle Grizl bietet 54 mm (2,1") Reifenfreiheit, während das neuere Grail sogar 57 mm (2,25") aufweist – Zahlen, die vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wären.
Ein komplexes System
Sind breitere Reifen automatisch schneller? Ganz so einfach ist es nicht. Letztendlich ist die Reifenbreite einer von vielen Faktoren, die es aufeinander abzustimmen gilt: Terrain, Karkassendicke, Reifenprofil, Felgenbreite. Bei wirklich hohem Tempo spielt auch die Aerodynamik zunehmend eine Rolle. Aber einer der wichtigsten Faktoren ist der Reifendruck – nicht umsonst gibt es ganze Algorithmen, um den richtigen Luftdruck für ein Setup zu ermitteln. Selbst wenn alle anderen Faktoren perfekt sind, nützt das ohne den optimalen Reifendruck nichts.
Wenn du dich gerne in ein Thema vertiefst, ist die Suche nach dem absolut optimalen Reifen-Setup für deinen Einsatzzweck ein hervorragender Zeitvertreib.
Du hast die Wahl
Reifen sind die wahrscheinlich kosteneffizienteste Möglichkeit, die Performance eines Bikes zu transformieren. Heutzutage gibt es mehr Optionen als je zuvor, und es kommen ständig neue Modelle von namhaften Herstellern dazu, um der Nachfrage nach Reifen mit 50 mm und mehr gerecht zu werden.
Ab welcher Breite ist ein Reifen kein Gravel-Reifen mehr, sondern ein MTB-Reifen? Spielt das überhaupt eine Rolle? Wichtig ist die Flexibilität und eine Plattform, die dich bei deiner Wahl nicht einschränkt. Wir liefern all unsere Grail und Grizl Modelle ab Werk mit schnellen und vielseitigen 45 mm Reifen aus, aber das ist nur eine Baseline.
Wir befinden uns in einem goldenen Zeitalter für alle, die mit verschiedenen Reifen experimentieren und ihr Verständnis von Geschwindigkeit auf den Kopf stellen wollen. Go wider. Go faster.
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